Intolerant?

Seit fast einem Monat wohne ich nun schon bei einer dreiköpfigen Tico-Familie (tico=costa ricanisch oder wie man das schreibt), da mit der unerzogene Hund in der vorherigen Wohnung dann doch irgendwann zu viel wurde.

Er kommt aus Nicaragua und ist auf einer Farm aufgewachsen, bis die Familie auf der Suche nach Arbeit in die Hauptstadt umgezogen ist. Sie kommt von einem kleinen Dorf ca. eine Stunde außerhalb von San José. Seit zwei Jahren wohnen sie jetzt in San José, aber die 15jährige Tochter geht immer noch in diesem Dorf zur Schule, weshalb sie jeden Morgen um 5 Uhr aus dem Haus muss. Im Gegensatz zu dem Haus ihrer Mutter ist das Jetzige sehr ansehnlich. Mit der Vermietung von Zimmern an Praktikanten soll das schmale Einkommen des Gärtners und der Putzfrau aufgebessert werden.

Die beiden geben sich wirklich viel Mühe, damit wir Praktikanten uns hier wohlfühlen. Letztens haben sie z.B. einen neuen Kühlschrank gekauft, damit für alle genug Platz ist. Ein erster gemeinsamer „Familien“-Ausflug hat auch schon stattgefunden, also alles eigentlich sehr schön. Eigentlich.

Ich bekomme von dem Ehepaar am meisten mit, da wir denselben Weg zur Arbeit haben. Und nach knapp einem Monat halte ich den Ehemann oft fast nicht mehr aus. Er ist so ein krasser Macho und so von sich überzeugt, dass mir die Frau immer mehr leid tut. Aber ich kann mich da ja auch nicht einmischen. Wenn er während des Kochens nicht gerade Fernsehen guckt, was glaube ich seine Lieblingsbeschäftigung ist, steht er in der sowieso schon engen Küche im Weg herum, guckt seiner Frau beim Kochen zu und gibt wohlmöglich noch ein paar Kommentare ab. Generell weiß er alles besser und lacht gerne über seine Frau, auch wenn er es selbst nicht besser weiß/kann. Und selbst wenn er etwas kann wie z.B. schwimmen, kommt er nicht auf die Idee, es ihr beizubringen, sondern macht sich eher über sie lustig. Auch wenn sie im Recht ist, glaubt er ihr nicht (auch nicht, wenn ich sie unterstütze – aber was solls, schließlich bin ich ja auch nur eine Frau).
 Manchmal würde ich am liebsten zu beiden sagen „so geht das doch nicht!“. Irgendwie stört mich diese Ungleichheit sehr und ich frage mich, ob ich deshalb nun intolerant anderen Lebensformen gegenüber bin oder die allgemeine Erklärung der Menschenrechte („Alle Menschen sind frei und GLEICH an Würde und Rechten geboren." ) zu genau nehme.

Ich bin mir bewusst, dass es vermutlich sogar mehr ungleiche Beziehungen gibt als Beziehungen wie ich sie mir vorstellte. Ich muss da nur mal an Tunesien und Bangladesch zurückdenken. Trotzdem könnte ich mich jeden Tag aufs Neue ärgern, schließlich habe ich eine solche Beziehung noch nie so nah miterlebt.

In allen drei Ländern wohnen die „Männer“ in der Regel bis zur Hochzeit zuhause, wo sie von Mama und Schwestern verwöhnt werden. Diese Rolle übernimmt dann nach dem Ja-Wort die Ersatz-Mutter, die sich mit einem total verwöhnten und unselbstständigen Mann herumärgern muss und auch noch erzählt bekommt, dass das normal so sei (was es in den jeweiligen Kulturen leider auch ist). Der Weltfrauentag ist zwar schon drei Monate her, aber ich denke hier ständig über Frauenrechte und ungleiche Beziehungen nach. Das einzige Tröstliche mag momentan sein, dass die Betroffenen es vielleicht selbst gar nicht so schlimm finden…

9.6.10 05:08

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